Der Ausnahmezustand bestimmte 2020 unseren Alltag – Die Schweiz blieb Zuhause. Auf den am 16. März 2020 ausgerufenen Lockdown folgte am 18. Januar 2021 die Home-Office-Pflicht. Für viele von uns bedeutete das, Heimbüros Hals über Kopf einzurichten oder seiner Arbeit nicht mehr nachgehen zu können.
Als Portrait-Fotografen fehlte auch mir die unmittelbare Begegnung mit Menschen. Deshalb dokumentierte ich diese besondere Stimmung der ersten Wochen, zwischen dem 31. und dem 29. April, an den Wohnungsfenstern von über dreissig Personen. Während Bastelprojekte den Esstisch belegten, Puppentheater hinter dem Sofa stattfanden oder Interviews über Messenger liefen, liessen sie den Blick nach draussen schweifen. Entstanden sind Momentaufnahmen der Unsicherheit und Gefasstheit, die das Abenteuerliche und Ungreifbare des ersten Lockdowns festhalten.
10 Portraits aus der Serie wurden vom Stadtmuseum Aarau unter dem Ausstellungstitel «Homeoffice – Dem Lockdown ein Gesicht geben» vom 31. Juli bis 6. September ausgestellt und anschliessend ins Archiv aufgenommen.
Die Lage veränderte sich ständig.
Die Massnahmen wurden im Sommer gelockert, mein Auftragsbuch füllte sich wieder. Dann wurde abermals verschärft und die Situation wurde noch surrealer, es taten sich zwei Welten auf: Fotografieren durfte ich, Theater spielen nicht. Und so fragte ich mich: Wie es meinen Mitmenschen wirklich?
In der dritten Woche nach der Verordnung vom Bundesrat zur Home-Office-Pflicht habe ich mit zehn Menschen, welche ich bereits im Frühjahr am Fenster besuchte, über Zoom gesprochen. Sie sind die Stimmen, welche ein Bild dieser besonderen Realität zeichnen.
Wie geht es euch da drinnen?
Für Sue und Daniel, welche als Paar zusammen in Winterthur leben, hat sich die Situation stark verändert. Sie wurde im Frühling vor Stellenantritt gekündigt und fand im Sommer doch noch ihre Traumstelle bei einer kundenorientierter Unternehmensberatung. Fünf Präsenztage im Büro in sieben Monaten und praktisch keine Treffen im Real Life seit November belasten die lebensfrohe Frau, die von Beruf aus kreative Workshops zur Ideenentwicklung mit Kunden organisiert. «Aber wir essen super!», sagt sie und Daniel nickt. Der Umweltwissenschaftler wäre zur Zeit öfters im Ausland für Testdreharbeiten für Dokumentarfilme unterwegs. Durch seine aktuellen Aufgaben fällt ihm viel stärker auf, was wir alles nicht machen können. Er hofft nun auf eine rasche Durchimpfung.
Simone ist schon seit den ersten Lockerungen wieder zurück im Kindergarten. «Es fühlt sich viel mehr nach Alltag an», sagt sie und schmunzelt. Dennoch ist sie besorgt darüber, wie die «Neuen» im Sommer eingeschult wurden, denn gewisse wichtige Standortbestimmungen finden trotz vielen neuen Plattformen nur unzureichend statt. Am meisten vermisst sie den freundschaftlichen Austausch beim Mittagessen mit Lehrpersonen der benachbarten Kindergärten, wie zum Beispiel Claudia.
Auch sie ist sehr glücklich wieder zurück bei ihren Schützlingen zu sein, obschon sie Freude an der digitalen Aufzeichnung der Bastelarbeit hatte. «Wir unterrichten Normalität,» sagt sie und ergänzt, «doch der letzte Ausflug mit der Klasse musste wieder kurzfristig abgesagt werden.» Bruno, ihr Mann, sorgt indes für den Mittagstisch, auch freitags, an welchem sie beide normalerweise zusammen ins Restaurant gehen. Er ist Lead Buyer für einen Lebensmittel-Grossverteiler und wäre oft im Grossraumbüro oder auch mal mit dem Flugzeug unterwegs. Heute hat er sich mit der Arbeit von zuhause aus arrangiert, die Technik hat aufgeholt und doch fehlt ihm bei Verhandlungen am Bildschirm die zwischenmenschliche Ebene. Er wünscht sich eine Mischform für die Zukunft.
Auch Thomas, Mitinitiant des im November 2020 eröffneten Coworking-Spaces in Aarau, ist wieder zurück im Homeoffice. «Ein gewisser Frust bei meinen Kolleginnen und mir ist spürbar, wir haben alle der Eröffnung entgegengefiebert.» Der Grafiker ist immer an mehreren Projekten gleichzeitig dran, deshalb geniesse er die Zeit der zweiten Entschleunigung nun trotzdem.
Für Andrea brachte der Lockdown die Chance, sich für den Stellenneuantritt, als Verfahrenstechnikerin im März optimal zu organisieren. «Du darfst einfach mit der Familie zuhause sein», sagt sie, und fürchtet nach Corona wieder «ins Hamsterrad zu fallen». Dennoch freue sie sich auf die Zeit, in welcher wir uns wieder im grösseren geselligen Rahmen treffen können. Beat, ihr Mann und Dozent an der ETH, war zwischen den beiden Lockdowns fast normal ins neue Semester gestartet. Trotz Freiwilligkeit kamen alle Schüler zum Unterricht, jetzt erhalten sie den Unterricht wieder per Videoaufnahme. Und auch hier wiederholt sich die selbe Sorge wie der Lehrerinnen zuvor, dass weniger engagierte Studenten von der Klasse unbemerkt abgehängt werden. Die zumeist informelle Interaktion vor Ort, ob nach dem Unterricht oder in der Kaffeepause, den Austausch mit Kolleginnen, vermissen alle.
Annina, die alleine lebt, hat mit ihren Arbeitskolleginnen einen Klatsch-Chat gegründet und ist in einer «Sportallianz» von Joggerinnen. Im Frühling war sie die erste Person in meinem Umfeld, welche im Homeoffice blieb und auch jetzt ist sie bereits seit Oktober wieder daheim, mit wenigen Ausnahmen. Wenn Sie ins Büro muss, meldet sie sich zuvor an und trägt sich in einer Liste ein.
Manuela erreiche ich am letzten Tag ihrer Corona-Isolation. Als Onlineproduzentin für ein nationales Medienunternehmen ist sie systemrelevant und ist daher ab und zu im Büro. Das positive Resultat eines vorsorglichen PCR-Tests erwischte sie auf dem linken Fuss. Sie erzählt mir von ihren zehn Tagen ohne physischen Kontakt zur Aussenwelt und ihrem Partner; «Ich habe stundenlang telefoniert, dies war eine ganz andere Art der Isolation.» Am Schluss strahlt sie in die Handykamera: «Ich bin so froh, ist es nun vorbei!»
Die zweite Welle, in welcher wir unserer Arbeit nach Möglichkeit in den eigenen vier Wänden nachgehen, wird wohl auch wieder abflachen. Was wohl von den erlangten Erkenntnissen für die Zukunft bleibt?